logo schriftzug 150 height

           
  • Home
  • Blog
  • Wilder Löwe, ruhiger Löwe, trauriger Löwe

Wilder Löwe, ruhiger Löwe, trauriger Löwe

Jede neue Stunde ist ein Erleben miteinander, ein Entdecken und Erforschen. Die zweite Klasse ist oft laut und unruhig, an anderen Tagen ist sie wieder konzentriert und sitz beobachtend da. Wir machen keinen Unterricht, in dem jeder und jede nur still dasitzen und zuhören muss, bei manchen Dingen erfordert es dann aber doch ein bisschen Ruhe, so das gesprochen und zugehört werden kann.

Es geht so langsam dem Ende des Projektes zu und es wird bald eine Ausstellung geben. Das wissen die Kinder auch und sie freuen sich und doch, wir wollten noch einmal mit ihnen darüber sprechen und mit ihnen gemeinsam schauen, wie dieser besondere Tag gestaltet werden kann. In der Gruppe der zweiten Klasse war dies heute (dieses heute fand vor ein paar wenigen Tagen statt) eher etwas schwierig. Es war, als wäre eine kleine Horde junger Löwen ausgebrochen, den Klassenraum zu erobern. Die Klasse, aufgeweckter und fröhlicher Natur, birgt so manch unruhigen, kommunikationsfreudigen und überschwänglichen Charakter in sich. Als wir uns zusammen setzten und gemeinsam auf das vor uns liegende blicken wollten, brach der kleine Löwe, der in jedem von uns steckt und einfach nur spielen möchte, durch. Es wurde gerannt, gesungen, gesprungen und gelacht, an Ruhe und Konzentration war nicht zu denken. Ein angefangenes Sinnesspiel musste abgebrochen werden, weil die kleinen Löwekinder zu unbändig und unkonzentriert die Worte über die Lippen hinaus brüllten.

Sihle
 

Sihle ist ein besonders aktiver Junge in der Gruppe, strahlende Augen, den Schalk im Nacken und immer in Kommunikation mit anderen. Sein kleiner Löwe reizt gerne jegliche Grenze aus. Bis zu dem Punkt, wo die Situation am Kippen ist, ist er meist ganz vorne dabei und macht Unsinn, lacht und zeigt seine herzliche Natur. Es scheint häufig schwierig, gar unmöglich, ihn zum Ein- und Ausatmen zu bringen. Sein Herz rast ununterbrochen. In unterschiedlichsten Momenten der letzten Monate aber hatten wir auch ab und an eine ganz andere Seite von ihm kennengelernt: besonnen, liebesbedürftig, die Sehnsucht nach innerer Ruhe und Zufriedenheit, Erholung. Heute berührte er mich in der Mitte meines Herzens. Er ließ seinen kleinen Löwen unkontrolliert nach außen dringen und führte das Rudel an. Doch dann merkte er mitten im Spiel des Herumtollens, dass er eigentlich sehr gerne arbeiten und Kunst machen möchte. Es schien, als wisse er nur nicht, wie er sich selbst wieder bändigen könnte. Ich konnte diese Zerrissenheit förmlich spüren und so bot ich ihm einen Schutzraum an, auf meinem Schoß fand er etwas Ruhe und Geborgenheit, in welcher sein kleiner Körper plötzlich Ein- und Ausatmen konnte. Die Gruppe weiterhin kaum zu bändigender kleiner Löwen und wir fanden uns alle in einer kleinen Runde wieder, in der wir nun gemeinsam das Kommende betrachten wollten. Doch es gab keinen Moment der Stille, in der das eigene Wort hätte erhoben werden können. So ließen wir die Löwenkinder reden, brüllen  und warteten. Sihle, auf meinem Schoß sitzend, wartete ruhig und geduldig mit. Von Zeit zu Zeit versuchte er durch kleine Ermahnungen und Bitten den Kreis zur Ruhe zu bewegen, die Löwenmünder aber waren zwar nicht mehr so aktiv, wollten aber ihr Brüllen nicht lassen. Dann war unsere Zeit auf einmal  vorbei und wir mussten die Stunde beenden. Da zog sich Sihle leise von meinem Schoß in die Ecke zurück. In meiner Hand, welche ich ihm anbot, fand die seine einen kleinen Halt und so kam er mit in unseren Kreis zurück.

Ich sah sie, die kleine Löwenträne in seinen Augen und der tapfere Versuch, sie erst einmal bei sich zu behalten und ich spürte sie auch in meine Augen treten. Der Rest der Gruppe zeigte sich besorgt und doch auch noch nicht bereit, den Weg  der Besonnenheit zu gehen. Sihle war so unglaublich traurig und enttäuscht, konnte einfach nicht verstehen, warum die anderen ihm die Stunde nicht gelassen hatten. Warum wir nicht hatten Kunst machen können, etwas, was er so sehr liebt.

 

Ein paar Worte zum Schluss:

Sihle weiß sehr gut, wie er Grenzen austesten kann. Sobald er aber merkt, dass er eine überschritten hat, kommt er zur Ruhe. Der wilde kleine Löwe wird zum ruhigen Löwen. Er weiß einfach nicht, wo er die viele Energie hintun soll, die in seinem noch so kleinen Körper herrscht, wie er sie hinauslassen kann, ohne selbst unkontrolliert von ihr mitgezogen und herum gewirbelt zu werden.In dieser Stunde waren die Löwenkinder los und doch fanden sie am Ende wieder in einer Gruppe zusammen. Der traurige und der unbändige Löwe begegneten sich. Mit dem Wunsch, nächstes Mal die Kunst und Kreativität wieder in den Vordergrund zu stellen sind wir wieder aus dem Kreis und aus der Gruppe getreten.

Die Kinder sollen von uns einen Raum der inneren Freiheit, Akzeptanz und eigenen Gestaltung bekommen. Wenn sie diesen so wie heute gestalten wollen, dann geben wir ihnen diesen Raum. Wenn dabei aber eine Träne zu tropfen beginnt, dann ist es wichtig, im Kreis die Gedanken wieder zu ordnen und diese Träne zu trocknen.